Grundlagen · 24. September 2026

Gelesen, aber nicht geprüft: Wie Menschen KI-Antworten nutzen

Die Hälfte der Deutschen fragt mittlerweile eher KI-Chats als klassische Suchmaschinen. Gleichzeitig sind die Nutzer:innen skeptisch und wünschen sich Quellen, klicken sie dann aber kaum an. Was aktuelle Studien über den Umgang mit KI-Antworten zeigen und was das für Marken bedeutet.

Oliver WagnerGründer augenmerk.de

Mehr als die Hälfte der Deutschen nutzt inzwischen KI-Werkzeuge, bei den Jüngeren fast alle. Sie fragen ChatGPT statt Google, lesen die KI-Übersicht über den Suchergebnissen und lassen sich Produkte empfehlen. Was sie mit den Antworten tun, ist eine andere Frage. Die Studienlage dazu ist inzwischen gut, und sie zeichnet ein widersprüchliches Bild: Die Menschen sind skeptisch, wünschen sich Quellen und prüfen doch selten nach.

Wer die KI fragt

Die ARD/ZDF-Medienstudie 2026, veröffentlicht im September, befragte knapp 2.500 Menschen ab 14 Jahren. 59 Prozent nutzen KI-Werkzeuge zumindest gelegentlich, bei den 14- bis 29-Jährigen sind es 92 Prozent, ab 70 Jahren 15 Prozent.

Wie sehr das die Suche verändert, zeigt eine repräsentative Bitkom-Befragung vom Herbst 2025: Die Hälfte der Internetnutzer greift zumindest gelegentlich zu KI-Chats statt zur Suchmaschine. 5 Prozent tun das ausschließlich, 7 Prozent überwiegend, 13 Prozent etwa gleich oft wie bei der klassischen Suche. 47 Prozent bleiben bei Google und Co.

Auch beim Einkaufen kommt die KI an. Laut einer Sonderbefragung des Onlinehandelsverbands bevh unter 2.500 Online-Kunden haben 31 Prozent schon einmal einen Chatbot nach einer Produktempfehlung gefragt.

Skeptisch, aber nicht misstrauisch genug

Die Skepsis ist groß. 54 Prozent der Befragten in der ARD/ZDF-Studie begegnen KI-Ergebnissen mit Vorsicht und sehen sie als Werkzeug, dessen Ergebnis im Zweifel überprüft werden muss. Im Reuters Institute Digital News Report 2026 für Deutschland sagen nur 13 Prozent, man könne Nachrichten in Antworten von KI-Chatbots meistens vertrauen, bei Suchmaschinen sind es 24 Prozent.

Die Skepsis hat Gründe. 42 Prozent der KI-Nutzer haben laut Bitkom schon falsche oder erfundene Informationen erhalten. Eine Untersuchung von 22 öffentlich-rechtlichen Sendern aus 18 Ländern unter Leitung der Europäischen Rundfunkunion und der BBC fand in fast der Hälfte der geprüften Antworten von ChatGPT, Copilot, Gemini und Perplexity mindestens ein erhebliches Problem, in einem Drittel ernste Mängel bei den Quellenangaben.

Und trotzdem: Nur 57 Prozent der KI-Nutzer sagen, dass sie die Antworten vor der Verwendung prüfen. Umgekehrt heißt das, dass mehr als vier von zehn es nicht tun, nach eigener Aussage.

Quellen: wichtig, aber kaum angeklickt

Hier liegt der Kern des Widerspruchs. 81 Prozent der KI-Nutzer halten Quellenangaben für wichtig oder sehr wichtig, aber nur 43 Prozent finden sie transparent (ARD/ZDF). Die Menschen wollen Belege, fühlen sich aber schlecht damit versorgt.

Wie selten sie tatsächlich auf Quellen klicken, zeigen Messungen echten Verhaltens aus den USA. Das Pew Research Center hat im März 2025 das Browsing von 900 Erwachsenen ausgewertet, fast 69.000 Google-Suchen. Auf einen Link innerhalb der KI-Zusammenfassung klickten die Nutzer bei gerade einem Prozent der Seitenaufrufe.

Für Deutschland gibt es keine vergleichbaren Messdaten, nur Selbstauskünfte. Im Digital News Report sagen die meisten, die einen Chatbot für Nachrichten nutzen, sie klickten „manchmal" auf die Originalquellen. Wer klickt, tut es häufiger als bei Suchmaschinen, um zu prüfen, ob die Information stimmt. Die Gruppe ist allerdings klein, die Studie selbst warnt vor zu weitreichenden Schlüssen.

Der Klick wird knapp

Wenn eine KI-Antwort erscheint, wird weniger geklickt, auch auf die normalen Suchergebnisse darunter. Immer häufiger verfängt also die Aussage der KI als Ergebnis. In der Pew-Auswertung klickten Nutzer bei Seiten mit KI-Zusammenfassung in 8 Prozent der Fälle auf ein Ergebnis, ohne Zusammenfassung in 15 Prozent. Und häufiger war danach ganz Schluss: 26 Prozent der Seiten mit Zusammenfassung beendeten die Browsing-Sitzung, gegenüber 16 Prozent ohne.

Dass die KI-Antwort die Ursache ist und nicht nur ein Begleitumstand, zeigt ein Feldexperiment, das Forschende der University of Pennsylvania und der Northeastern University im August 2026 vorgelegt haben (noch ohne Begutachtung). 1.100 US-Nutzer bekamen über eine Browsererweiterung zehn Tage lang eine veränderte Google-Suche. Ohne KI-Übersichten stieg die Klickrate auf Websites um 8,8 Prozentpunkte. Wer nur noch den AI Mode sah, klickte um 18,8 Prozentpunkte seltener, war weniger zufrieden, vertraute den Antworten weniger und nutzte häufiger andere Suchmaschinen. Die Stichprobe ist jünger und gebildeter als der Durchschnitt; die Richtung ist trotzdem eindeutig.

Eine kleine Gegenbewegung

Nicht alle wollen die KI-Suche. Nachdem Google im Mai 2026 den weiteren Umbau seiner Suche angekündigt hatte, meldete DuckDuckGo einen Ansturm auf seine Suchseite ohne KI: dreimal so viel Verkehr an einem Tag, danach im Schnitt rund 84 Prozent über dem Ausgangswert (TechCrunch). Das sind Angaben des Anbieters selbst, von einem kleinen Ausgangsniveau. Sie zeigen einen Wunsch nach Wahl, keinen Massentrend.

Was das für Marken bedeutet

Aus den Studien lassen sich drei Schlüsse ziehen.

1. Die KI entscheidet über die engere Wahl, noch nicht über den Kauf. Nur 12,7 Prozent würden einer Produktempfehlung des Chatbots folgen, ohne selbst weiterzusuchen (bevh). Aber wer in der Antwort nicht vorkommt, kommt in die weitere Suche gar nicht erst hinein. Die KI-Antwort wird zur Vorauswahl.

2. Was die KI über eine Marke sagt, bleibt meist stehen. Wenn kaum jemand auf die Quellen klickt und ein erheblicher Teil der Antworten Fehler enthält, dann prägt die Antwort selbst das Bild einer Marke, richtig oder falsch. Ein veraltetes Testergebnis, eine verwechselte Produktlinie, ein längst behobener Kritikpunkt: Nutzer prüfen das selten nach. Die Marke sollte es tun.

3. Der Klick ist nicht mehr die einzige Währung. Wenn weniger geklickt wird, sagt die Zahl der Besuche immer weniger darüber, wie sichtbar eine Marke ist. Entscheidend wird, ob sie in der Antwort genannt wird, wie sie beschrieben wird und auf welche Quellen sich die KI dabei stützt.

Genau dafür ist augenmerk gebaut: Wir fragen die KI-Systeme, was Kundinnen und Kunden fragen, und zeigen zu jeder Aussage über eine Marke die Stelle in der Antwort, auf der sie beruht. Die Menschen klicken die Quellen nicht an. Wir tun es.

Die Quellen

  • ARD/ZDF-Medienstudie 2026, GIM im Auftrag von ARD und ZDF, 2.462 Befragte ab 14 Jahren, Januar bis April 2026. Pressemitteilung vom 22.09.2026
  • Bitkom: Internet-Suche im Wandel, 1.156 Befragte ab 16 Jahren, telefonisch, Herbst 2025. Presseinformation vom 20.11.2025
  • bevh: Sonderbefragung von 2.500 Online-Kunden, 2. Quartal 2026. Meldung vom 06.07.2026
  • Hölig, Behre, Stöwing, Möller: Reuters Institute Digital News Report 2026, Ergebnisse für Deutschland. Arbeitspapiere des Hans-Bredow-Instituts Nr. 83, YouGov, rund 2.000 Befragte, Januar 2026. PDF
  • EBU/BBC: News Integrity in AI Assistants, 22 Sender aus 18 Ländern, Oktober 2025. Bericht
  • Chapekis, Lieb: Google users are less likely to click on links when an AI summary appears in the results. Pew Research Center, 22.07.2025. Artikel
  • Wang, Gleason, Bart, Wilson, Metaxa: AI in Search Reduces Publisher Referrals Without Improving User Experience. arXiv 2608.18352, August 2026, Preprint. Studie
  • Perez: DuckDuckGo makes its "no-AI" search engine easier to access as its traffic booms. TechCrunch, 01.06.2026. Artikel